- Freitagspredigt
Anstand (ādāb) und Erziehung im Islam
- 29.05.2026
- Lade Freitagprädigung hier runter
Verehrte Muslime!
In unserer heutigen Hutbe geht es um Ādāb, also um Verhaltensnormen und Erziehung im Islam.
„Adab” bedeutet Anstand und wird definiert als eine edle Tugend, die sich durch Schamgefühl, Höflichkeit, Eleganz, gute Erziehung und gute Manieren auszeichnet und den Menschen vor peinlichen Situationen bewahrt. (Vgl. Ö. N. Bilmen, Dini ve Felsefi Ahlak Lugatçesi, S. 7)
Süleyman Hilmi Silistrevi beschreibt Adab wie folgt: „Adab bezeichnet Verhaltensweisen und Zustände, die im Einklang mit der Vernunft und der islamischen Religion stehen.” (Ali Erol, Hatıratım, S. 86)
Anstand ist das kostbarste und schönste Gewand, das den Worten und Taten Schönheit verleiht. Ohne Anstand sind Worte banal und hässlich, Verhaltensweisen gekünstelt und heuchlerisch, und Wissen fade und langweilig.
Anstand ist Feinfühligkeit und Schönheit, die es in jeder Lebensphase zu beachten gilt. Anstand ist der Ausdruck eines guten und vollkommenen Charakters. Daher sagte unser Prophet (s.a.w.), der Stolz des Universums: „Ich bin nur gesandt worden, um die guten Charaktereigenschaften zu vervollkommnen.” (Al-Bayhaqī, Schu’ab al-īmān, 7978)
In welchen Kontexten und gegenüber wem ist Anstand geboten? In erster Linie muss man gegenüber Allah Taʿālā und Seinem Gesandten Anstand wahren. Die gottesdienstlichen Handlungen enthalten neben Fard-, Wādschib- und Sunna-Elementen auch Aspekte des Anstands. Werden diese Regeln beachtet, erreicht die Anbetung ihre Vollkommenheit. Selbst das Gedenken an Allah , der Zikr, hat seine eigenen Anstandsregeln.
Hazrat Abū Mūsā al-Aschʿarī, ein edler Sahābī, berichtet von einem Vorfall während der Schlacht von Haybar wie folgt: „Wir waren mit Rasūlullāh (s.a.w.) auf einem Feldzug. Als die Menschen in ein Tal kamen, begannen sie lautstark den Takbīr auszurufen. Unser Prophet (s.a.w.) sagte: ,Beruhigt euch (erhebt nicht eure Stimmen)! Ihr ruft nicht jemanden an, der taub oder abwesend ist, sondern ihr ruft den, der (alles) hört und nah ist – und Er ist mit euch.’” (Al-Buchārī, 4205)
In folgendem Koranvers lehrt Allah Taʿālā selbst wie das Gespräch mit unserem Propheten (s.a.w.) zu führen ist: „O die ihr glaubt, erhebt eure Stimmen nicht über die Stimme des Propheten und redet nicht laut mit ihm, so wie die einen von euch gegenüber den anderen laut sind, damit eure Taten nicht hinfällig werden, ohne dass ihr es merkt.” (Al-Hudschurāt, 49:2)
In diesem Āyat zeigt Allah Taʿālā allen Muslimen, dass sie gegenüber dem Propheten Anstand wahren und Respekt erweisen sollen. Einige Gelehrte sagten ebenso: „Es ist auch verwerflich (makrūh), seine Stimme neben dem Grab unseres Propheten zu erheben. Denn er ist in seinem Grab lebendig.” Sie sagten sogar, es sei verwerflich, seine Stimme in Gegenwart von Gelehrten zu erheben, die als Erben des Propheten gelten. (Rūh al-Bayan, Hudschurāt, 49:2)
Liebe Muslime!
Die Gelehrten, die Freunde Allahs sind, haben der Menschheit gute Sitten gelehrt, indem sie diese vorlebten und Ratschläge gaben.
Hazrat as-Sarī as-Saqatī berichtete: „Nachdem ich eines Nachts gebetet hatte, streckte ich meine Beine in der Gebetsnische aus und hörte eine Stimme sagen: ,O Sarī, so sitzen nur Könige!’ Da sagte ich: ,(O Allah!) Bei Deinem Ruhm und Deiner Erhabenheit, ich werde meine Beine nie wieder ausstrecken.’” (Nuzhat al-Madschālis, Adab)
Abdullāh ibn al-Mubārak sagte: „Wer bei der Einhaltung der Anstandsregeln nachlässig ist, wird bestraft, indem ihm die Sunna-Handlungen entzogen werden. Wer bei der Ausführung der Sunna nachlässig ist, wird mit dem Entzug der Fard-Pflichten bestraft. Wer bei den Fard-Pflichten nachlässig ist, dem wird die Maʿrifatullah, die Erkenntnis Allahs, verwehrt.” (Nuzhat al-Madschālis, Adab)
Der Sufismus, auch Tasawwuf genannt, bei dem der Islam bis in seine Feinheiten aufrichtig gelebt wird, verkörpert den Höhepunkt des Anstands. Aus diesem Grund sagte Süleyman Hilmi Silistrevi (q.s.): „At-tarīqu kulluhā adab”, was soviel bedeutet wie: „Der gesamte mystische Weg besteht aus Anstand.” „Ein Mensch ohne Anstand kann den Schöpfer nicht erreichen.” (Mektuplar ve Bazı Mesail-i Mühimme S. 155) Ich möchte meine Hutbe mit dem folgenden Hadith Scharīf beenden: „Beehrt eure Kinder (tut ihnen Gutes) und bringt ihnen gute Manieren bei!” (Al-Bayhaqī, Schu’ab al-īmān, 6/400)